Autoreninterview

Ich werde immer eine „Ossi“ bleiben


Lebt, liest, aber bügelt nicht in Harburg: Autorin Conny Schramm. (Foto: Schramm)

Vom 20. März bis 14. April 2017 finden die Literaturtage „SuedLese“ statt. Einige der dort lesenden Autorinnen und Autoren stellen wir vorab schon mal vor … Heute die in Harburg lebende und arbeitende Autorin Conny Schramm.

Tiefgang (TG): Das Buch „Mein ungebügeltes Leben“ – Dein Erstlingswerk?

Conny Schramm: Es ist mein erstes Buch, was von einem großen Verlag veröffentlicht wurde. Davor hatte ich einen heiteren Reisebericht über Westaustralien „Monsterkakerlake, Redbackspinne und Bluetonguelizard“ auf eigene Kosten drucken lassen. Durch mein Australienbuch habe ich gemerkt, dass Leute tatsächlich Lust haben, etwas zu Lesen, was ich geschrieben habe. Ich habe sehr viel gelernt und tolle und interessante Leute kennengelernt.

TG: Wie kommt man auf so einen Titel?!?

Schramm: Die Wahl des Titels war eine schwierige Geburt. Der Arbeitstitel von meinem Manuskript hieß „Befreit“. Ich hätte mir auch „Grüne Orangen“, oder „Überraschung für den Herrn Pfarrer“ vorstellen können. Auch vom Brunnenverlag kamen Vorschläge. Einen Vorschlag fand ich ziemlich schrecklich. Ich weiß gar nicht mehr, wie er lautete … Er hatte jedoch den Untertitel: „Mein ungebügeltes Leben“. Das fand ich super und dann hatte die Mitarbeiter des Brunnenverlages die Idee, den Untertitel einfach als Buchtitel zu nehmen.

TG: Das Buch ist sehr autobiografisch. Ist es für Dein Schreiben Bedingung oder war es hier einfach nötig, das mal zu Papier zu bringen?

CS: Ich schrieb eigentlich schon immer über Dinge, die ich selbst erlebt hatte. Meine Reiseberichte und auch meine Kurzgeschichten sind häufig nicht nur humorvoll mit einem Augenzwinkern geschrieben, sondern auch autobiografisch.

TG: Dein Stil zeigt einen scharfen Sinn für Begriffe und Werte wie Individualität und Menschlichkeit. Sind sie zentrale Themen für Dich und Deine Schriften und Bücher?

Schramm: „Mein ungebügeltes Leben“ ist durch und durch ein besonderes Buch, da es wirklich persönlichste Erlebnisse enthält. In der ehemaligen DDR lief vieles „uniform“. Zum Beispiel wurden alle Kinder Jungpionier… „Das war einfach so!“ Da sehnte man sich besonders nach Individualität.

Ich bin Christ und Menschlichkeit ist mir sehr wichtig. Ich versuche das auch im Alltag zu leben. In der Zukunft könnte ich mir jedoch „leichtere Themen“, zum Beispiel heitere Reiseberichte oder humorvolle autobiografische Kurzgeschichten sowie Kolumnen, als ein Genre für mich sehr gut vorstellen.

TG: Im Buch beschreibst Du gut, wie Du mit dem Dilemma einer ungeliebten Staatsautorität zum einen, einer festen Verwurzelung im Freundes- und Arbeitsumfeld auf der anderen umgingst. Flucht war für Dich offenbar keine Lösung. Nach der Wiedervereinigung aber bist Du nun in Hamburg. Was ist passiert?

Schramm: Anfang der 1990iger Jahre wurden allein im ehemaligen Ostberlin über 1000 Krankenhausbetten abgebaut. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt 10 Jahre im Schichtdienst in einem großen Berliner Krankenhaus gearbeitet, hatte aber auf dem „ach so sozialen“-Punkteplan die wenigsten Punkte. Punkte gab es für Lebensalter ab 30, für eigene Kinder in der Familie und für Krankenhausdienstjahre … Mir drohte täglich die Kündigung. Irgendwann hielt ich den Druck nicht mehr aus und suchte mir eine neue Tätigkeit. Ich bekam eine Stelle als Erziehungshelferin in einem Kinderheim in Braunschweig. Dort wurde ich dann nach zehn Monaten arbeitslos. Das war für mich eine völlig neue und schreckliche Erfahrung. Ich war über viele Jahre arbeitslos, lebte  eine Zeitlang auf Amrum und fast acht Monate in den Golanhöhen in Israel in einem Kibbuz. Im Anschluss an meine Volontärszeit in Israel – Thema meines aktuellen Buches – begann meine Ausbildung zur Ergotherapeutin in Wolfsburg. Am Ende der dreijährigen Ausbildung bewarb ich mich in Berlin und in Hamburg als Ergotherapeutin. Von Hamburg bekam ich die erste Zusage und so zog ich nach Hamburg.

TG: Deine alte Jugendliebe Henry floh in den Westen. Noch zu DDR-Zeiten triffst Du ihn kurz im Westen, bist aber enttäuscht, dass er im Grunde nichts aus seinem Leben in Freiheit machte. Eine Art Scheitern?

Schramm: Mich hat es damals zutiefst erschüttert, zu sehen, dass Henry nach allem, was er mir und seiner Familie durch seine Flucht angetan hatte, nichts aus seiner „großen Freiheit“ gemacht hatte und die Chancen die ihm für sein neues Leben gegeben wurden, einfach nicht genutzt hatte. Ja – ich empfand das als eine Art „Scheitern“. Ob Henry das auch so sieht, weiß ich jedoch nicht.

TG: Du schreibst sehr humorvoll. Es wird dennoch sehr deutlich, wie Dein Glaube an Gott ebenso auf die Probe gestellt wird wie der an ein System der DDR. Und auch amWesten bleibt nicht so viel Gutes. Wie siehst Du die heutige Zeit? Fühlst Du Dich „freier“ oder sind nur andere Zwänge hinzugekommen?

Schramm: (schmunzelt) „Freiheit“ ist ein  großes „Schlagwort“ … In meinem Buch beschreibe ich ja nur eine Woche im „Westen“ und einen Tag in Paris. Inzwischen sind mehr als 25 Jahre Erfahrungen dazu gekommen. Ich bin kein Fan von „schwarz–Weiß–Denken“. Das heißt ich glaube, dass längst nicht alles toll ist im „Westen“ genauso wenig wie im Osten nicht nur alles grau in grau, trist und schlecht war. So einfach ist die Frage nicht zu beantworten. Ich bin froh, dass ich meinen christlichen Glauben – ohne Konsequenzen z.B. für mein Berufsleben ausleben kann. Ich bin froh, dass ich nicht mehr hinter einer Mauer und im Sozialismus leben muss. Diese Form von Freiheit fühlt sich gut und richtig an. Allerdings hatte diese Freiheit auch einen sehr hohen Preis, wenn ich z.B. an die vielen Menschen in Ostdeutschland denke, die durch die Wende ihren – vorher sicheren – Arbeitsplatz verloren und plötzlich nicht mehr ihre Familien versorgen konnten.

Ich habe gerade auch hier in Hamburg tolle Menschen kennen gelernt, Menschen deren tiefe Freundschaft ich nicht mehr missen möchte. Trotzdem freue ich mich immer wieder, in der Heimat alte Freunde wieder zusehen und gemeinsam über witzige, vergangene Erlebnisse zu lachen. In meinem Herzen werde ich immer eine „Ossi“ bleiben. Darauf bin ich auch ein kleines bisschen stolz.

Ein weiterer Grund zur Freude ist für mich die Möglichkeit – mir die Welt anzusehen. Mit meinem abenteuerlustigen Ehemann – übrigens auch ein früherer „Ossi“ – macht es einfach Spaß, die Welt zu bereisen. Wir waren schon einige Tage im Dschungel von Malaysia , in Australien und auf Island. In diesem Jahr möchten wir nach Afrika fliegen.

TG: Mal zu Dir als Autorin … wie bist Du zum Schreiben gekommen?

Schramm: Ich habe eigentlich schon immer geschrieben. Tagebücher und  „kilometerlange Briefe an die beste Freundin … Ohne jedoch auch nur über „Begabung“ nachzudenken, sonder nur weil es mir Spaß gemacht hat und ich so Erlebtes, witziges und trauriges,  auf meine Art verarbeitet konnte.

Später schrieb ich Reiseberichte und immer mehr Leute drängten mich, doch mal was zu veröffentlichen. Das habe ich dann im Januar 2014 mit meinem Reisebericht über Westaustralien auch getan und dabei bemerkt, wie viel Freude mir das Schreiben, aber auch das Lesen meiner Bücher macht.

Ich nahm 2014 das erste Mal an einem Poetry-Slam in Heimfeld teil und gewann gleich den 4. Platz mit der Kurzgeschichte, aus der später mein Buch entstanden ist. Dann wurde ich Mitglied der Schreibwerkstatt.

Zeitgleich las meine Mutti eine Anzeige von einem Schreibstudium von der Schule des Schreibens. Ich war von den Informationen über ein Schreibstudium begeistert und begann umgehend mit dem Kurs „biografisches Schreiben“. Ich war stolz darauf jetzt endlich mir einen Traum zu verwirklichen und im Fernstudium zu studieren. Bereits nach meiner 3. Studienaufgabe ermutigte mich mein Dozent und sagte: „Sie müssen Ihre Geschichte erzählen – Sie sollten ein Buch schreiben…“ Inzwischen studiere ich das Studienfach Belletristik.

TG: Woran arbeitest du zur Zeit?

Schramm: Ich schreibe gerade über meine Zeit als Volontärin in einem israelischen Kibbuz, als ich auf engstem Raum mit Menschen aus der ganzen Welt zusammen lebte. Der Arbeitstitel lautet: „Abenteuer gelobtes Land – was Kishon noch nicht in Israel erlebte“. Ab und zu drängt mich ein Erlebnis aus dem Alltag eine neue Kurzgeschichte zu schreiben

TG: Was wünscht Du deinen Lesern?

Schramm: Ich wünsche mir,  dass  meine Leser angerührt sind, dass sie Lachen und Nachdenken. Ich möchte die Mauer, die noch häufig in unseren Köpfen vorhanden ist, abbauen und stattdessen Brücken bauen.

TG: Was wünscht du dir als Autorin?

Schramm: Ich wünsche mir Zeit zum Schreiben neuer Bücher. Ich habe noch viele Ideen … Und natürlich freue ich mich, wenn viele Menschen meine Bücher lesen, kaufen und verschenken.

TG: Du möchtest, dass viele Menschen deine Bücher lesen – gibt es öffentliche Lesungen?

Schramm: Man kann mich sehr gerne für eine Lesung  in der Gemeinde, Schule, Bibliothek oder im Kulturverein buchen. Man kann mir einfach eine Anfrage per mail senden Connys65(at)hotmail.com. Es wird sich bestimmt ein Termin finden lassen! Honorar nach Absprache …

TG: Du nimmst an der wöchentlichen „Schreibwerkstatt“ in  Heimfeld teil, eine Gruppe von Autoren, die was genau eigentlich macht …?

Schramm: Die Mitglieder der Schreibwerkstatt bei „Alles wird schön“ treffen sich jeden 2. Dienstag. Ich kann jedoch meist nur einmal im Monat dabei sein. Unter der fachkundigen Leitung der Journalistin Kerstin Brockmann treffen wir uns in gemütlicher Runde. Sie ist auch seit mehr als 10 Jahren ehrenamtlich die Leiterin der Schreibwerkstatt tätig. Sie achtet darauf dass eventuelle Textkritik angemessen vorgetragen wird und dass man sich immer mit Wertschätzung und Respekt begegnet.

TG: Was bedeutet sie für dich?

Schramm: Gerade als mein Australienbuch veröffentlicht wurde, war ich bei einer öffentlichen Lesung der Schreibwerkstatt im Kulturcafé „Komm Du“ zu Gast. Ich unterhielt mich an dem Abend mit Kerstin und mit anderen Mitgliedern der Schreibwerkstatt. Sie ermutigte mich, doch mal „vorbei zu schauen“. Das tat ich gleich beim nächsten Treffen und habe es bis heute nicht bereut. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich niemand in dieser Region, der schreibt. Daher möchte ich mich hier bei Kerstin und allen Mitgliedern der Schreibwerkstatt mal für alle Unterstützung bedanken. Es ist wirklich schön, dass es euch gibt! DANKE!!!

TG: Was sind Deine literarischen Vorbilder?

Schramm: Meine drei Lieblingsautoren sind:  Ken Follett. Ich liebe das Buch „Die Säulen der Erde“. Ich bewundere und verehre Titus Müller. Ich habe ihn auch schon persönlich etwas kennengelernt. Der 3. Autor, dessen Bücher ich „verschlinge“ ist Adrian Plass – ein christlicher Bestseller-Autor aus England. Er hat mit seinem „Tagebuch eines frommen Chaoten“ das lustigste Buch geschrieben, dass ich je gelesen habe.  Es gibt einige Menschen, die sagen, ich hätte den gleichen Humor wie Adrian Plass. Wenn ich so etwas höre, schwebe ich natürlich gleich ein paar Zentimeter über dem Boden. (lacht)

TG: Was magst Du an Hamburg besonders?

Schramm: Ich finde Hamburg wunderschön. Ich bin gern an der Alster, an der Elbe und der Außenmühle unterwegs und finde die „Elphi“ super. Hamburg ist für mich zu einer neuen Heimat geworden. Hier habe ich meinen Ehemann kennengelernt. Wir sind glücklich über unsere Gemeinde, der Christuskirche in Harburg. Ich freue mich über die Wasserorgel bei Planten und Bloom und genieße das Feuerwerk freitags Abend auf dem Dom. Ich mag das Schanzenviertel, denn es erinnert mich an frühere Zeiten in Berlin im Prenzlauer Berg. Ich finde es toll, dass Hamburg eine solch´ große Multi-Kulti-Stadt ist.

TG: 2016 entschied der BGH, dass die Verwertungsgesellschaft Wort, die sich um die Urheberrechte der schreibenden Zunft kümmert, diese Tantiemen vor allem an Autoren und nicht mehr auch an die Verlage ausschütten darf? Wie siehst Du das als Autorin? Hat sich was im Verhältnis zum Verlag geändert oder wird es das?

Schramm: Zu diesem Thema, kann ich nicht sehr viel sagen.  Ich bin gerade erst im November 2016 Mitglied bei der VG – Wort geworden und werde vermutlich das erste mal im Sommer 2017 Tantiemen erhalten. Ich gehe davon aus, dass sich unser positives Verhältnis mit dem Brunnenverlag dadurch nicht verändert.

Ich sollte mich intensiver mit diesem Thema befassen, zumal mein Buch acht Mal beim Radio ERF und einmal beim TV des ERF vorgestellt wurde.

TG: Die Lesung bei der 2. SuedLese 2017 wird im „Alles wird schön“ in Heimfeld  statt finden. Was erwartet uns?

Schramm: Eine emotionale Autorin und eine emotionale Lesung – ein Abend voller Lachen und Weinen! Ich hoffe du bist jetzt angemessen neugierig.

TG: Vielen Dank für das Interview …

Conny Schramm liest im Rahmen der Suedlese 2017 am Mo., 10. April um 19.30h bei „Alles wird schön“, Friedrich-Naumann-Straße 27.

Conny Schramm: Mein ungebügeltes Leben.

112 Seiten, Taschenbuch, 12 x 18,6 cm, Erscheinungsdatum: 26.07.2016

Bestell-Nr.: 114302, ISBN: 978-3-7655-4302-9, EAN: 9783765543029
1. Auflage

(02. Feb. 2017, das Interview führte Heiko Langanke)

Lob eines Bestsellerautors

Titus Müller, den ich sehr bewundere und verehre hat mein Buch gelesen und schreibt:

Liebe Conny,

Vielen Dank für dein wundervolles Buch! Viele der Schilderungen über die DDR kenne ich aus eigener Anschauung, fand Deine Erzählweise aber so herrlich pointiert,dass ich´s gerne nochmal gelesen habe. Und deine persönliche Geschichte ist natürlich hochspannend mit Henry und Tobias… Viel Erfolg dir für dieses Buch und die Nächsten! Herzlich Titus

http://brunnen-verlag.de/mein-ungebugeltes-leben.html

Der Brunnenverlag wirbt für mein Buch!!! :-)

Mit Witz und Humor
– Eine authentische Lebens-und Liebesgeschichte, origenell erzählt
– Mit Emotionen und treffsicher geschrieben

Christliches Elternhaus ̶ sozialistischer Schulalltag: Conny stellt das vor schwierige Entscheidungen. Mit ihrem Witz bringt sie im tristen DDR-Alltag Menschen zum Lachen, riskiert aber auch, deswegen von der Schule geworfen zu werden. Eine christliche Jugendgruppe wird ihr wichtigster Bezug neben der Familie. Mit 16 verliebt sie sich unsterblich in Henry, den Pastorensohn. Henry ist Einzelgänger, mit der Zeit sehr eifersüchtig auf ihre Freunde. Wird ihre Freundschaft das aushalten? Eine leicht erzählte Lebensgeschichte, die uns so überzeugt hat, dass wir sie einfach veröffentlichen müssen.

Spaß bei der Lesung

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Foto Christa-Maria Brockmann

Auf der Suche

Es ist Sommer im Jahre 2001. Freunde haben mich zu einem Urlaub nach Skandinavien eingeladen. Da müssen sie mich nicht lange überreden, ich bin sofort Feuer und Flamme. Zwei Tage vor meiner Abreise, kaufe ich mir ein Handy. Zu dem Zeitpunkt, habe ich nicht nur keine Ahnung von der Bedienung eines solchen Gerätes, ich hielt einen Besitz bisher für äußerst überflüssig. Für meinen Trip in zwei fremde Länder, möchte ich jedoch gut ausgestattet sein. Wie soll ich auch sonst mit Marc und seinen Freunden Kontakt aufnehmen? Die Truppe ist schon vor ein paar Tagen nach Schweden gereist.
Im Geschäft frage ich mehrfach, ob das Telefon auch wirklich außerhalb von Deutschland funktioniert. Der Verkäufer rollt schon leicht genervt mit seinen Augen. Am Vorabend der Reise ruft mich Marc auf meinem Festnetz an. Er bittet mich noch einige Dinge zu besorgen und notiert gleich meine Handynummer. Das Telefonat ist kurz. Es endet mit der Ansage, den Rest besprechen wir, wenn du in Schweden ankommst. Bitte melde dich noch einmal vom Schiff. Wir hatten nicht einmal über die genaue Anschrift gesprochen.
Ich möchte mit einer Fähre der „TT-Line“ von Lübeck Travemünde nach Trelleborg reisen. Staunend stehe ich vor dem Meeresgiganten. Ein so imposantes Schiff habe ich noch nie gesehen. Ich bin aufgeregt und voller Vorfreude. Das Wetter ist, passend zu meiner Urlaubsstimmung, phantastisch. Ich sehe mich gleich nach einem gemütlichen Plätzchen, draußen auf dem Oberdeck um und lasse mir den Wind um die Nase wehen. Während die Sonne den Himmel in glühend rot, orange Farben taucht, telefoniere ich mit meinen Eltern. Solch ein Mobiltelefon ist doch recht nutzbringend. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen, denke ich.
Es wird kühl und ich suche ich mir einen Ort, an dem ich halbwegs bequem und ungestört schlafen kann.
Am Morgen erwache ich durch reges Treiben rings um mich her und dem Duft von frisch gebrühtem Kaffee. Ich erblicke in einiger Entfernung schon das Festland. Das ist bestimmt Schweden, denke ich und hole mir, gut gelaunt, einen Capuccino. Ich genieße ihn bei Sonnenschein draußen auf dem Deck.
Ich wähle die Nummer von Marc. Leider höre ich nicht einmal einen Piep. Ach, ich muss ja eine Vorwahl für Schweden benutzen.

»Können sie mir die Vorwahl von Schweden nennen?« erkundige ich mich bei dem gutaussehenden blonden, Mann. Er ist vermutlich Schwede. Ich unterhalte mich kurz mit ihm und erfahre, dass er aus Malmö stammt. Er hilft mir gleich mit der richtigen Vorwahl. Sofort starte ich einen erneuten Versuch, um die Crew, aus dem Haus am See zu erreichen.Wieder höre ich nicht einmal einen Piepton in meinem Gerät. Leicht hektisch drücke ich die Tasten und wähle immer wieder Marcs Nummer. Bekümmert muss ich erkennen, dass entgegen aller Zusage, die moderne Anschaffung, außerhalb Deutschlands nicht funktioniert. »Mist«.

Wie kann ich jetzt mit meinen Freunden, in Schweden, Kontakt aufnehmen? Ich habe nur äußerst spärliche Informationen über den Aufenthaltsort von Ihnen. Ich weiß nur, sie sind in einem Haus am See, im Wald, – in geringer Entfernung zu einem Ortes namens Ryd. Wir legen in Trelleborg an und ich suche mir sofort den Bahnhof. Er befindet sich zum Glück in unmittelbarer Nähe vom Hafen. Ein freundlicher Fahrkartenverkäufer kümmert sich um die Abfertigung der anderen Passagiere. Ich lächle ihn an und frage ihn auf Deutsch: „Können sie mir sagen wie ich am Besten nach Ryd komme?“ Der nette Herr lächelt zurück und antwortet im perfekten Deutsch: „Junge Dame in welches Ryd möchten sie denn überhaupt?

Wes gibt in Schweden wenigstens fünf Orte mit dem Namen Ryd“ Fassungslos starre ich ihn an. „Oh nein das kann doch nicht wahr sein“, murmel ich. Warum passieren eigentlich immer mir solche Dinge? Jetzt ist guter Rat wirklich teuer? Was soll ich nur tun? Ich muss mich erst einmal setzen und über die Situation nachdenken. Meine Hoffnungen auf einen schönen Urlaub und die Chance meine Leute zu finden sinken auf den Nullpunkt.
Doch so schnell gebe ich nicht auf. Ich bin schließlich nicht den weiten Weg nach Schweden gereist, um gleich wieder um zu kehren. Es ist ja nicht das erste Mal, dass bei meinen Reisen etwas schiefgeht. Ich erkundige mich nach der Verbindung, zu dem Ryd, dass sich von hier aus, am nächsten befindet. Der Bahnbeamte verkauft mir nicht nur ein Ticket, sondern druckt mir noch zwei Zugverbindungen aus. So erfahre ich, wie ich von Malmö aus noch zwei andere Ortschaften Ryd erreichen kann. Mit dankbarem Lächeln verabschiede ich mich.
Nach ca. zwei Stunden erreiche ich einen Ort Ryd. Nur wenige Passagiere steigen mit mir zusammen aus. Das wundert mich nicht, denn dies scheint ein ziemlich kleines Provinznest zu sein. Als ich aus dem Bahnhofsgebäude trete, verlässt mich mein Optimismus. Wie wahrscheinlich ist es, dass meine Freunde hier ihren Urlaub verbringen, und dass ich sie dann auch noch zufällig treffe? Frust breitet sich in mir aus. Hilfe, wie ich das hasse! Ich kaufe mir erst einmal ein Eis. Ich liebe Eis. Es ist für mich nicht nur lecker, sondern auch sehr tröstlich. Während ich so in der Sonne sitze und mein Eis genieße, höre ich auf einmal einen Ruf. Hat da nicht ebend jemand meinen Namen gerufen? Nein das kann ja wohl nicht sein. Das muss ich mir eingebildet haben. Bekommt man etwa von schwedischem Eis Halluzinationen, frage ich mich leicht besorgt. Erneut erklingt der Ruf. Dieses Mal ist es klar und deutlich zu hören. Irgendjemand ruft Conny, meinen Namen. Während meine Augen den Platz absuchen, steht auf einmal ein junger Mann vor mir. Es ist Marc aus Dresden, der schon seit geraumer Zeit auf mich wartet. Lachend schließt er mich in die Arme. Er sagt: „Es ist wirklich schön dich zu sehen, denn du machst es einem ja nicht gerade leicht dich zu finden.“ Ich kann mein Glück kaum fassen und berichte ihm sogleich von meinem Abenteuer. Wieder Erwarten, war ich also in dem »richtigen« Ryd gelandet. Es grenzt schon beinahe an ein Wunder, dass wir uns wirklich dort in Schweden gefunden haben.